Architektur als Aktionsforschung beschreibt ein Konzept zur Erforschung urbaner Fragestellungen, welches aktivistische, künstlerisch-architektonische Aktionen nutzt, um bestehende problematische Situationen im öffentlichen Raum der Stadt zu untersuchen und gleichzeitig zu bearbeiten. Aufbauend auf der Arbeit des französischen Philosophen Mickaël Labbé und Beispielen von künstlerischem Aktivismus im öffentlichen Raum von Joseph Beuys und Gordon Matta-Clark versteht die Arbeit das „Recht auf Stadt“ des französischen Soziologen Henri Lefebvre nicht als utopische Forderung, sondern als Anleitung zur Aneignung der lokalen, alltäglichen und städtischen Räume. Empirisch basiert der Ansatz auf einer Methode der kritischen Sozialwissenschaften, der Aktionsforschung des deutsch-amerikanischen Soziologen Kurt Lewin, welche die Auswirkungen physischer, psychologischer oder sozialer Handlungen untersucht.
Das im theoretischen Teil der Arbeit entwickelte Konzept wird anschließend am urbanen Phänomen der „feindlichen Architektur“ getestet. Feindliche Architektur beschreibt bauliche Maßnahmen in der Stadt, zur Verhinderung spezifischer Nutzungen, wie dem Sitzen, Liegen und Verweilen an dafür nur bedingt vorgesehenen Orten. Sie kann als Werkzeug zur Segregation betrachtet werden, da sie Bewegungen und Handlungen der Aneignung von Stadtraum verhindert und nur solche Tätigkeiten zulässt, die gesellschaftlich an einem bestimmten Ort als gewünscht interpretiert werden. So verringert feindliche Architektur die Aneignungsmöglichkeiten von als unerwünscht betrachteten sozialen Gruppen und deren Teilnahme an den Aushandlungsprozessen der Stadt. Feindliche Architektur lässt sich im Stadtraum in verschiedenen Formen und Größen entdecken, als Betonpyramiden unter Brücken, als Stahlwinkel an Ecken und Kanten von architektonischen Elementen, als Stacheln und Metallleisten an Fassaden. Maximilian Sinn dokumentiert verschiedene Beispiele schon seit 2022 auf dem Instagram Account @hostile_germany.
Zur Untersuchung der sozialen Auswirkung feindlicher Architektur wurden künstlerische Betonplastiken als Gegenmaßnahmen zu drei Fallstudien entworfen. Sie greifen die Form der feindlichen Architekturen und der architektonischen Elemente, auf denen sie platziert sind, auf und machen den Ort wieder nutzbar. Die drei Beispiele feindlicher Architektur verhindern das Sitzen oder Liegen und sind an Fassaden oder Objekten im öffentlichen Raum der Stadt Stuttgart angebracht. Das Anbringen der Plastik stellt die Aktion in der Forschung dar. Im Vorfeld dieser Aktionen wurde eine räumliche und sozialwissenschaftliche Analyse anhand von Fotos und Karten der Umgebung und des Ortes, an dem sich die Beispiele befinden, durchgeführt. Nach den Aktionen wurden die Wirkungen der Plastik auf ihr soziales Umfeld, auf den Alltag im öffentlichen Raum und ihre Aneignung durch diverse Nutzer*innen beobachtet und dokumentiert. Es entstanden Sammlungen an Fotografien und somit Beweise für einen verringerten Aneignungsprozess durch feindliche Architektur. Die Studien zeigen auf, wie zeitgenössische Stadtplanung, beeinflusst durch wirtschaftliche und private Interessen von Eigentümer*innen beeinflusst wird: Sie wird ausgerichtet auf eine spezifische Gruppe von Menschen, die als situiert, erwerbstätig und physiologisch normal bezeichnet werden können.
So konnten empirische Belege dafür gewonnen werden, wie stark feindliche Architektur das städtische Alltagsleben beeinflusst und verhindert und dass architektonischer Aktivismus und die temporäre Aneignung von Raum Konzepte sind, die in der Stadt der Zukunft notwendig sein werden. Die Arbeit entstand durch eine kooperative und bereichernde Zusammenarbeit des Fachgebiets für Architektur- und Wohnsoziologie am Institut für Wohnen und Entwerfen und des Instituts für Darstellen und Gestalten.
Maßgeblich betreut und beeinflusst wurde der methodische, wissenschaftliche und theoretische Teil der Arbeit durch Prof. Christine Hannemann (IWE) und die plastische Formfindung und aktivistische Umsetzung durch Prof. Sybil Kohl (IDG) sowie Jochen Damian Fischer.