Entwurfsort dieser Masterarbeit ist die Kleinstadt Wipperfürth im Bergischen Land. Hier fließt die Wipper in die Stadt und wird dort zur Wupper. Die Region ist gekennzeichnet durch ihre hügelige Topografie und ihren Wasserreichtum, was sich in Form von Flüssen, Bächen, Siefen, Teichen, Tümpeln und Talsperren überall bemerkbar macht. Im Stadtgebiet sind die Fließgewässer jedoch verbaut, überbaut oder kanalisiert und nur an wenigen Stellen als Naturraum erfahrbar. Diese naturnahen Gewässerabschnitte weisen wiederum wenig Aufenthaltsqualität auf. Zwei überregional bedeutende Naturschutzgebiete entlang der Wupper sowie weitere kleinere entlang von Bächen und Siefen werden durch das Stadtgebiet voneinander getrennt und die Vernetzung der Fließgewässer und Biotope ist unterbrochen. Desweiteren trennt ein Industriegebiet die Altstadt auf gesamter Länge vom Fluss sowie einem gegenüberliegenden historischen Industriekomplex, welcher bereits in Teilen zu einem Kulturort umgewandelt wurde, und stellt eine unüberwindbare Barriere dar. Im Stadtgebiet befinden sich, insbesondere entlang der Wupper, viele große Parkplätze, welche meist versiegelt sind und die attraktive Flächen in Anspruch nehmen. Die Verbauung und Einengung der Fließgewässer, monofunktionale versiegelte Räume im Überschwemmungsgebiet und wenig Retentionsflächen innerhalb und außerhalb der Stadt führten in den letzten zehn Jahren bereits zu zwei großen Hochwassern. Zudem sieht sich Wipperfürth als Kleinstadt im ländlichen Raum mit sinkenden Bevölkerungszahlen und einem unattraktiven Gewerbestandort konfrontiert.
Im Zuge dieser Masterarbeit werden daher Konzepte entwickelt, die diese Problematiken thematisieren und Lösungsansätze aufzeigen. Ausgangspunkt ist hierfür eine Analyse der gewässernahen Biotope bezüglich Schutzstatus, Funktion, Vegetations- und Gewässerstruktur sowieTier- und Pflanzenartenvorkommen. Im Anschluss erfolgt die räumliche Verknüpfung der Gebiete sowie die Aufstellung eines Konzeptes für eine Biotopverbundplanung. Parallel werden regionale Tiervorkommen, bestehende Habitate sowie deren Erreichbarkeit und Barrieren untersucht, um davon ein lokales Tierarten-Potential abzuleiten. Aus diesem werden, abhängig von deren Eigenschaften und Eignung, Zieltierarten bestimmt. Eine genaue Analyse der ausgwählten Zieltierarten Äsche (Leitfischtyp Mittelgebiergsfluss), Eisvogel (streng geschützt, regionale Vorkommen, attraktive Tierart), Schenkelbiene (Vorkommen entlang von Gewässern, bedrohte Habitate), C-Falter (Vorkommen entlang von Gewässern) und Zwergfledermaus (Habitate im Stadtgebiet und entlang von Gewässern) führt zu detaillierten Lebenszyklus-Bedürnissen, woraus konkrete Entwurfskriterien und Maßnahmen für jede Tierart abgeleitet werden.
Die Biotopverbundplanung stützt sich auf bereits bestehende Biotope außerhalb der Stadt und neue Trittsteinbiotope im Stadtgebiet, einer Grünraumverbindung sowie Längsvernetzung der Fließgewässer und Renaturierung der Uferstreifen unter Einbeziehung der privaten Flächen. Dies wird von städtebaulichen Konzepten zur Aufwertung der Uferstreifen und besseren Erfahrbarkeit der Wupper in der Innenstadt, einer besseren fußläufigen Verbindung der beiden altstadtnahen Uferseiten mittels neuer Brücken und Erschließungen, Umgestaltung des innerstädtischen Industriegebietes und Weiterentwicklung des Kulturufers sowie Umwandlung bestehender Parkplatzflächen in Flächen zur Erholung ergänzt. Wo immer möglich wird der Querschnitt der Flussrinne erhöht und zusätzliche Retentions- und Überschwemmungsflächen geschaffen.
Die Biotopverbundplanung wird mit Konzepten für neue urbane Räume und Vernetzung kombiniert und in einem Masterplan zusammengeführt. Mittels der Entwicklung von Szenarien werden mögliche Potentiale und Zukunfsvisionen aufgezeigt und eine zeitliche Umsetzung skizziert. Besondere Aufmerksamkeit wird den unterschiedlichen und teils gegensätzlichen Anforderungen der Aktionsräume von Tieren und Menschen gewidmet. Die sorgfältige Abwägung der Lebenszyklus-Bedürfnisse der Zieltierarten versus die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Bewohner von Wipperfürth und Touristen hat entscheidenden Einfluss auf das Gesamtkonzept.
In drei ausgewählten Fokusgebieten werden sämtliche Überlegungen der Masterplanung sowie Lebenszyklus-Bedürfnisse und Maßnahmen für jede Tierart detaillierter entworfen und an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst.
Die Wilde Aue ist ein beidseitig naturnaher Flussabschnitt, welcher in eine Aue umgewandelt wird und im Bereich jetziger Flussverengungen im Hochwasserfall eine deutliche Entlastung bringen soll. In Zukunft soll dieser Bereich Flora und Fauna vorbehalten sein und die Durchwegung für den Menschen unterbunden werden. Drei Brücken über die Wupper sollen dennoch Einblicke in die geheimnissvolle Welt der wilden Aue geben und einen Blick auf den Eisvogel ermöglichen. Denn für ihn werden im abgelegensten Teil neue Ufersteilwände für das Anlegen der Niströhren geschaffen. Eine Umgestaltung der strukturarmen Flusssohle für bessere Habitatbedingungen im Wasser sowie die Pflanzung spezifischer Futterpflanzen soll die Verbreitung der anderen Zieltierarten fördern.
Das Kontaktufer leitet seinen Namen von einer schmalen denkmalgeschützten Brücke über die Wupper ab, welche im Volksmund liebevoll Kontaktbrücke genannt wird. Das nördliche Ufer wird umfassend renaturiert und das Flussbett deutlich verbreitert um einer bestehenden Engstelle hier entgegenzuwirken. Dem renaturierten Uferstreifen kommen wichtige Funktionen als einziges Trittsteinbiotop und eine der wenigen öffentlichen Stellen, an denen die Wupper aus nächster Nähe erfahrbar wird, in Altstadtnähe zu. Die historischen Industriegebäude werden für weitere kulturelle und öffentliche Nutzungen ertüchtigt und der Standort als Kulturzentrum weiterentwickelt. Dem Leerstand im Industriegebiet zwischen Wupper und Altstadt wird mit neuen Konzepten zur gemischten Nutzung entgegengewirkt. Dabei ist die Umgestaltung der Gebäude zu Nahrungs- und Nisthabitaten von Insekten und Fledermäusen als weiteres Trittsteinbiotop von Bedeutung. Die Verbindung zwischen Altstadt und Kontaktufer soll durch eine Durchwegung des Industrigebietes und weitere Fußgängerbrücken verbessert werden.
Die Ohler Insel befindet sich im Bereich einer Flussschlaufe am östlichen Rand der Innenstadt und angrenzend zu weitläufigen Sportflächen und Überschwemmungsgebieten der Ohler Wiesen. Der ehemalige Parkplatz wird deutlich verkleinert und die Fläche umfassend umgestaltet. Mit dem abgetragenem Bodenbelag werden kleine Dämme gebaut, die den Parkplatz und die umliegenden tiefliegenden Straßen und Grundstücke im Hochwasserfall vor Überschwemmung schützen sollen. Die renaturierte Halbinsel wird bei Hochwasser überschwemmt, dabei weist ein leicht tiefer liegender Seitenarm dem Wasser den Weg und verwandelt sie zuerst in eine Insel. In der Mitte befindet sich ein Retentionsbecken, welches temporär mit Wasser gefüllt ist und wichtige seichte Wasserhabitate für Insekten und Amphibien bietet. Die Halbinsel wird sich selbst überlassen und der Fluss reguliert das Geschiebe (Sand und Geröll) selbst. Die Flussrinne und -sohle werden umgestaltet, um die Fließgeschwindigkeit zu verändern und strukturreiche Bedingungen zu schaffen. Liegt die Halbinsel trocken, kann sie als Naturspielplatz genutzt werden und ist mit einer neuen Fußgängerbrücke mit dem Spiel- und Sportplatz auf der anderen Flussseite verbunden. Die Ohler Insel bildet mit den Ohler Wiesen und den Sportplätzen das innenstadtnahe Erholungsgebiet.
Prüferinnen:
Prof. Dr. rer. nat Leonie Fischer (ILPÖ) und Prof. Dr. Martina Baum (SI SUE)