_ReFollyution
_Insert Coin. Nicht Nötig.

Maximilian Arthur Beyer und Lukas Daniel Pressmar
(IGMA / Prof. Trüby)

_Unsere Vision für die Stadt 2050+ beschreibt eine hyperkommerzialisierte, algorithmisch gesteuerte Urbanität, in der jeder Quadratmeter ökonomisch genutzt wird und der Zugang zu Freiräumen zum Luxusgut geworden ist. Schon heute lassen sich Tendenzen beobachten: Öffentliche Räume werden zunehmend privatisiert, überwacht und für Konsum und Eventkultur optimiert. Die Stadt wird zum „Playscape“ - Bühne kommerzieller Inszenierungen, in der Sicherheit und Konsum die Leitmotive städtischer Systematik bilden. Armut, soziale Ungleichheiten und politische Bedürfnisse werden verdrängt, um eine saubere, kaufkräftige Stadt zu erzeugen. In dieser dystopischen Zukunft kostet jeder Schritt, jeder Aufenthaltsort ist kommerziell reguliert, und Bürger werden zunehmend als Konsumenten statt als Teil eines Gemeinwesens adressiert. Das rote, parasitäre Folly unseres Entwurfs reagiert auf diese Logik als räumliche Störung, die das System irritiert und Freiräume für die Bewohner‘innen zurückerobert.

Kern des Entwurfs ist ein datengetriebener Algorithmus, der architektonische Leerstellen, Bewegungsströme und Bedürfnisse der Stadtbewohner erkennt und in Echtzeit reagiert. Anders als heutige Smart-City-Systeme dient er nicht der Kontrolle oder Kommerzialisierung, sondern den Menschen. Er liest die „urbanen Begehrenslinien“ - Wege, Orte der Begegnung oder brachliegende Nischen und materialisiert dort Interventionen in Form des Follys. Hier knüpfen wir bewusst an Henri Lefebvres Konzept des „Rechts auf Stadt“ an: Städte sollen nach den Bedürfnissen der Bewohner‘innen gestaltet sein, nicht nach Verwertungslogik. Unser Algorithmus fungiert als automatisierter Stadtethnograf und urbaner Planer: Er identifiziert die Orte, an denen Menschen Wege, Treffpunkte oder Verlangsamung suchen, und reagiert, indem er diese in der gebauten Realität sichtbar macht.

Das Folly ist eine organisch wachsende, rote Struktur, die parasitär die urbane Infrastruktur durchdringt. Anders als klassische Follys ist es funktional, jedoch außerhalb der Logik der Stadtsteuerung. Es wächst dort, wo Leerstellen bestehen, und schafft direkte Wege, Treffpunkte und Orte der Verlangsamung. In dieser Form verbindet es die Idee der autogestion urbaine mit einer algorithmisch gesteuerten Intervention - eine „ReFollyution“. Parallelen zu realen Projekten zeigen den Kontext: Michael Rakowitz’ paraSITE nutzte städtische Infrastruktur, um Wärme für Obdachlose nutzbar zu machen; Jakob Wirths „Penthaus à la Parasit“ besetzte Dachflächen leerer Gebäude, um Wohnraum sichtbar zu machen. Unser Folly generalisiert dieses Prinzip: Es dockt an Straßen, Gebäude und Zäune an, durchzieht die Stadt wie eine rote Ader und kanalisiert die Bedürfnisse der Bürger‘innen, statt Profit zu generieren.

Unser Entwurf ist keine klassische Lösung, sondern eine reflexive Kritik an der City 2050+. David Harvey beschreibt Städte als „Ungleichheit-produzierende Maschinen“; Georg Franck ergänzt, dass in der hyperkommerziellen Stadt Aufmerksamkeit zum Kapital wird. Das Folly unterläuft diese Logik, indem es Orte schafft, an denen Interaktion, Verweilen und Begegnung nicht dem Konsum dienen. Es reclaimed die Aufmerksamkeit für die Bürger‘innen und setzt Freiheit gegen Kontrolle, Gebrauchswert gegen Tauschwert. Das Folly ist zugleich ein Diskursobjekt: Es zeigt, wie Architektur Machtansprüche unterlaufen und politische Räume sichtbar machen kann. Es reagiert auf spontane Bedürfnisse der Bewohner und institutionalisiert sie temporär, wie es auch integrative Stadtplanung fordert. Öffentliche Freiräume, Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe werden wieder möglich, mitten in einer stark funktionalisierten Stadtlandschaft.

Bachelorarbeit: ReFollyution, Insert Coin. Nicht Nötig.

„Algorithmus & Folly“ bewegt sich im Spannungsfeld von kontrollierter Konsumstadt und rebellischer Aneignung. Der Entwurf basiert auf Theorien zu urbanem Neoliberalismus, Konsumkritik, Aufmerksamkeitsökonomie, temporärer Architektur und integrativer Planung. Das rote Folly verkörpert den urbanen Widerstandsgeist: Es unterläuft die Spielregeln der hyperkommerziellen, algorithmisch überwachten Stadt, eröffnet Freiräume, stellt Aufmerksamkeit zurück an die Bürger‘innen und visualisiert das Recht auf Stadt. Als raumgreifendes Manifest fordert es die Frage heraus: Auf wessen Kosten darf die Stadt in Zukunft gelebt werden?

Herr Prof. Dr. phil. Stephan Trüby
Zweitprüfer*in: Frau Prof. Dipl.-Ing. Ulrike Böhm
Betreuer’in: Andrea Irion

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